Liebe und Erotik, geht das gleichzeitig und auf Dauer?
Liebe und Erotik, geht das gleichzeitig?
Oft kommen Paare zu mir, die sich sehr lieben – und trotzdem kaum noch Sexualität miteinander haben.
Sie kennen sich seit vielen Jahren, manchmal seit Jahrzehnten. Sie haben Kinder, ein Haus, Kredite, gemeinsame Freunde und vor allem eine gemeinsame Geschichte. Sie mögen und wertschätzen einander, haben vielleicht gemeinsame Hobbys, fahren zusammen in den Urlaub und funktionieren als Paar im Alltag oft erstaunlich gut.
Und trotzdem findet zwischen ihnen kaum noch Sexualität und Körperlichkeit statt.
Manchmal seit Jahren.
Oft fehlt einem von beiden etwas. Manchmal sogar beiden. Und irgendwann entsteht das Gefühl: Wir haben den Zugang zueinander verloren.
Warum ist es so schwer, über Sexualität wirklich zu sprechen?
Manche Paare können darüber reden. Sie sagen sich, dass sie zu wenig Sex haben, dass ihnen Nähe fehlt oder dass sie sich wieder mehr wünschen würden.
Und trotzdem stelle ich in meiner Paartherapie immer wieder fest: In die wirkliche Tiefe kommen viele Paare dabei nicht.
Kein Wunder.
Denn kaum etwas umfasst so viele Ebenen unseres Menschseins wie Sexualität.
Sie kann ein beinahe spirituelles Erleben von Verbundenheit sein. Ein Gefühl von Verschmelzung, von tiefem Vertrauen und vollkommenem Angenommensein.
Sie kann aber genauso gut ganz unkompliziert sein: Blümchen-Sex, ein Quickie, etwas, das einfach Spaß macht und schön ist.
Und dazwischen und darüber hinaus liegt eine kaum überschaubare Weite sexueller Möglichkeiten, Fantasien, Vorlieben und Grenzen.
Sexualität berührt dabei auch unsere dunkelsten menschlichen Themen – Macht, Unterwerfung, Kontrolle, Gewalt und Grenzüberschreitung. Gerade deshalb ist sie ein so komplexer Teil unseres Menschseins.
Und jeder Mensch bringt seine ganz eigene Geschichte mit.
Unsere Erfahrungen. Unsere Prägungen aus der Familie. Moralische Vorstellungen. Religion. Gesellschaftliche Erwartungen. Die Vorstellungen darüber, wie ein Mann, eine Frau oder ein Mensch überhaupt „sein“ sollte.
Und natürlich unser eigenes Selbstbild.
Bin ich begehrenswert? Darf ich Lust haben? Darf ich zeigen, was ich möchte? Darf ich Nein sagen? Darf ich mich fallen lassen? Darf ich so sein, wie ich wirklich bin?
Sexualität kann Scham auslösen, Schuld, Angst und das Gefühl, nicht richtig zu sein.
Manche Menschen haben gelernt, zu funktionieren. Manche müssen beim Sex performen. Andere haben gelernt, ihre eigenen Wünsche möglichst gar nicht wahrzunehmen.
All das bringen wir mit in unsere Beziehungen.
Wir lernen Sexualität nicht wirklich
Das ist eigentlich erstaunlich.
Wir lernen Mathematik, Sprachen, Geschichte und unzählige andere Dinge. Aber wie wir eine erfüllende, lustvolle und gleichzeitig sichere Sexualität entwickeln können, lernen die meisten Menschen kaum.
Jüngere Menschen lernen heute viel über das Internet – und damit nicht selten über Pornografie.
Aber Pornografie ist keine Schule für liebevolle, lebendige und erfüllende Sexualität.
Ältere Generationen hatten andere Quellen. Sie haben vieles über Erfahrungen, Beziehungen und vor allem über Trial and Error gelernt.
Und so versuchen wir häufig, etwas sehr Komplexes irgendwie hinzubekommen, ohne jemals wirklich gelernt zu haben, wie es funktionieren kann.
Und dann kommt die Liebe dazu
Eine gute Beziehung braucht Sicherheit.
Sie braucht Vertrauen, Verlässlichkeit, Geborgenheit und das Gefühl:
Ich kann mich auf dich verlassen. Du bist da. Ich muss nicht ständig Angst haben, dich zu verlieren.
Genau diese Sicherheit ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für erfüllende Sexualität.
Und gleichzeitig entsteht hier ein scheinbarer Widerspruch.
Denn Erotik braucht noch etwas anderes.
Erotik braucht Neugier.
Prickeln.
Spannung.
Das Gefühl, den anderen nicht vollständig zu kennen.
Ein Stück Fremdheit.
Vielleicht sogar ein kleines bisschen Verbotenes.
Und genau hier beginnt bei vielen Paaren das Problem.
Sie haben so viel Sicherheit geschaffen, dass irgendwann die Spannung verschwunden ist.
Aus zwei Menschen, die sich einmal neugierig aufeinander zubewegt haben, wird ein eingespieltes Team.
Sie wissen, wer morgens welchen Kaffee trinkt. Wer die Kinder abholt. Wer den Einkauf macht. Wer schnarcht. Wer welche Seite des Bettes bevorzugt.
Sie kennen einander.
Sehr gut sogar.
Aber vielleicht gibt es kaum noch etwas zu entdecken.
Dazu kommen Alltag, Stress, Arbeit, Kinder, Sorgen und manchmal jahrelang nicht ausgesprochene Bedürfnisse.
Und irgendwann ist die Sexualität eingeschlafen.
Nicht unbedingt, weil die Liebe verschwunden ist.
Sondern manchmal gerade, weil aus Erotik immer mehr Alltag geworden ist.
Liebe braucht Sicherheit. Erotik braucht Freiheit.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Kunst einer langjährigen Beziehung:
Wie schaffen wir es, gleichzeitig Sicherheit und Lebendigkeit zu bewahren?
Wie können wir uns so sicher miteinander fühlen, dass wir uns fallen lassen können – und gleichzeitig so frei, dass wir uns weiterhin überraschen, entdecken und begehren können?
Wie können wir über unsere Wünsche sprechen, ohne dass daraus Druck entsteht?
Wie können wir sagen, was uns fehlt, ohne den anderen damit abzuwerten?
Wie können wir unsere Sexualität verändern, ohne dass einer von beiden das Gefühl bekommt, nicht mehr zu genügen?
Und wie können wir auch nach vielen gemeinsamen Jahren noch zwei Menschen bleiben, die sich nicht vollständig besitzen, sondern immer wieder neu begegnen?
Genau da beginnt für mich die eigentliche Arbeit mit Paaren.
Nicht bei der Frage:
„Wie bekommen wir wieder mehr Sex?“
Sondern viel früher.
Bei der Frage:
„Wie können wir wieder Zugang zueinander bekommen?“
Zu unserer Lust. Zu unserem Körper. Zu unseren Bedürfnissen. Zu unserer Neugier. Zu dem, was uns erregt, berührt oder vielleicht auch verunsichert.
Und manchmal beginnt dieser Weg nicht einmal im Schlafzimmer.
Sondern mit einem ehrlichen Gespräch.
Mit einem Satz wie:
„Ich vermisse etwas zwischen uns. Und ich möchte gerne herausfinden, was es ist.“
Liebe und Erotik müssen sich nicht ausschließen.
Aber sie brauchen unterschiedliche Dinge.
Liebe braucht Sicherheit. Erotik braucht auch ein bisschen Geheimnis.
Die Kunst einer lebendigen Langzeitbeziehung besteht vielleicht genau darin, beides miteinander zu verbinden.
Wenn Sie neugierig geworden sind und sich in diesem Thema wiedererkennen, wissen Sie, wo Sie mich finden.