
Let`s dare to talk about sex
Warum es uns so schwerfällt, mit unserem Partner wirklich über Sexualität zu sprechen
Was wünschst du dir eigentlich von mir?
Was macht dir Lust?
Was fehlt dir?
Gibt es etwas, das du dich bisher nicht getraut hast, mir zu sagen?
Eigentlich sind das ganz einfache Fragen. Und trotzdem fällt es erstaunlich vielen Paaren schwer, miteinander über Sexualität zu sprechen.
In meiner Praxis erlebe ich das sehr häufig – besonders bei Paaren, die schon einige Jahre miteinander leben. Sie haben über Kinder gesprochen, über Geld, Urlaubsplanung, Schwiegereltern, Haushalt und die nächste Anschaffung. Sie wissen, was der andere beruflich möchte und was er zum Frühstück mag.
Aber darüber, wie sie Sexualität erleben, was sie sich wünschen, wonach sie sich sehnen oder wovor sie Angst haben, sprechen sie kaum noch.
Und manchmal haben sie sogar seit Jahren nicht mehr darüber gesprochen.
Wir leben in einer sexualisierten Welt – und schweigen zu Hause
Das ist eigentlich erstaunlich.
Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir ständig mit Informationen über Sexualität konfrontiert werden. Pornografie ist für die meisten Menschen jederzeit zugänglich. Es gibt unzählige Bücher, Podcasts, Plattformen und Ratgeber rund um Sexualität. Über sexuelle Orientierung, alternative Beziehungsmodelle, offene Beziehungen und Polyamorie wird öffentlich gesprochen.
Gerade bei jüngeren Menschen sind Vorstellungen von Beziehung und Monogamie vielfältiger geworden. Die klassische Vorstellung einer lebenslangen, selbstverständlich sexuell exklusiven Zweierbeziehung wird zunehmend hinterfragt.
Das bedeutet allerdings nicht, dass die Sehnsucht nach Verlässlichkeit, Nähe und sexueller Exklusivität verschwunden wäre.
Denn Sexualität ist eben nicht nur eine körperliche Aktivität.
Sexualität ist Intimität
Sexualität kann eine der intensivsten Formen von Nähe zwischen zwei Menschen sein.
Wir zeigen uns nackt – nicht nur körperlich. Wir lassen uns berühren. Wir geben Kontrolle ab. Wir zeigen unsere Lust, unsere Unsicherheit, unsere Bedürfnisse und manchmal auch Seiten von uns, die wir selbst kaum kennen.
Und genau deshalb kann Sexualität so viel Vertrauen schaffen.
Man kann sich im Laufe einer Beziehung immer besser kennenlernen: Was tut mir gut? Was tut dir gut? Wann kann ich mich fallen lassen? Was macht mich neugierig? Wo brauche ich Sicherheit? Wo möchte ich mich ausprobieren?
Sexualität kann damit zu einem Raum werden, in dem zwei Menschen immer wieder neu miteinander entdecken, wer sie sind.
Und genau deshalb kann eine heimliche sexuelle Beziehung außerhalb der Partnerschaft so tief verletzen.
Warum ein Seitensprung nicht einfach „nur Sex“ ist
Manchmal wird die Frage gestellt:
„Warum kann ich mit jemand anderem ins Theater gehen, wandern oder Tennis spielen – aber warum darf ich nicht einfach mit jemand anderem Sex haben?“
Es gibt Menschen, die Sexualität tatsächlich so erleben können. Für sie kann Sex außerhalb der festen Beziehung möglich sein, ohne dass dadurch die Liebe zum Partner infrage gestellt wird. Wenn alle Beteiligten freiwillig zustimmen und niemand getäuscht oder verletzt wird, möchte ich darüber auch nicht moralisieren.
Entscheidend ist die Vereinbarung zwischen den Menschen.
Denn der entscheidende Unterschied ist häufig nicht der Sex selbst, sondern das Geheimnis.
Wenn ein Paar sexuelle Exklusivität vereinbart hat und einer der Partner heimlich eine Außenbeziehung oder einen Seitensprung hat, wird nicht nur eine sexuelle Vereinbarung gebrochen. Es kann auch das Vertrauen in die gemeinsame Wirklichkeit erschüttert werden.
Was war echt? Was wusste ich nicht? Was wurde mir verschwiegen?
Sexualität ist deshalb für viele Menschen etwas anderes als gemeinsam Tennis zu spielen.
Nicht, weil Sex moralisch „höher“ oder „schlimmer“ wäre, sondern weil er für viele Menschen mit einer besonderen Form von Intimität, Verletzlichkeit und Bindung verbunden ist.
Und was ist mit unseren Fantasien?
Vielleicht ist das einer der schwierigsten Bereiche überhaupt.
Viele Menschen haben sexuelle Fantasien, über die sie mit ihrem Partner niemals sprechen würden.
Aus Angst, der andere könnte sie komisch finden.
Aus Scham.
Aus Angst vor Ablehnung.
Aus Angst, dass eine Fantasie plötzlich zu einer Forderung wird.
Oder aus der Befürchtung: „Wenn ich ihm oder ihr das erzähle, sieht er mich danach anders.“
Dabei ist eine Fantasie zunächst einmal eine Fantasie.
Man muss sie nicht ausleben, nur weil man sie ausspricht.
Im Gegenteil: Manchmal kann es unglaublich befreiend sein, sagen zu dürfen:
„Das ist etwas, das mich manchmal erregt – und ich weiß selbst gar nicht genau, warum.“
Oder:
„Ich habe eine Fantasie, die ich dir erzählen möchte, aber ich möchte nicht, dass du daraus eine Erwartung machst.“
Schon dieser Raum kann Intimität schaffen.
Besonders verletzlich: unser Körper
Und dann gibt es noch ein Thema, das Sexualität für viele Menschen besonders schwierig macht: der eigene Körper.
Bin ich attraktiv genug?
Ist mein Bauch zu dick?
Sind meine Brüste schön genug?
Ist mein Körper nach Schwangerschaften noch begehrenswert?
Was denkt mein Partner, wenn er mich nackt sieht?
Gerade Frauen erleben ihren Körper häufig mit einem kritischen Blick. Aber auch Männer kennen die Angst, nicht attraktiv, leistungsfähig oder sexuell „gut genug“ zu sein.
In der Sexualität kann sich diese Unsicherheit besonders verstärken.
Denn dort können wir uns nicht so leicht hinter Kleidung, Worten oder einer professionellen Rolle verstecken.
Wir werden gesehen.
Und wir möchten nicht nur gesehen werden.
Wir möchten begehrt werden.
Das ist ein großer Unterschied.
Über Sexualität zu sprechen kann unglaublich befreiend sein
Genau deshalb erlebe ich es in meiner Praxis immer wieder als so befreiend, wenn Paare beginnen, über diese Dinge zu sprechen.
Nicht sofort, um Lösungen zu finden.
Nicht, um den anderen davon zu überzeugen, dass er etwas verändern muss.
Sondern zunächst einmal, um einander wirklich zuzuhören.
Was wünschst du dir?
Was fehlt dir?
Was macht dir Angst?
Wo fühlst du dich sicher?
Wo schämst du dich?
Was möchtest du ausprobieren?
Was möchtest du auf keinen Fall?
Was hast du dich bisher nicht getraut zu sagen?
Und vielleicht ist die wichtigste Frage:
„Wie können wir über unsere Sexualität sprechen, ohne dass einer von uns sich dabei klein, falsch oder unter Druck gesetzt fühlt?“
Denn ein Gespräch über Sexualität muss nicht zwangsläufig zu mehr Sex führen.
Es kann auch dazu führen, dass zwei Menschen sich wieder näherkommen.
Oder dass sie verstehen, warum etwas zwischen ihnen schwierig geworden ist.
Oder dass sie entdecken, dass ihre Wünsche unterschiedlicher sind, als sie bisher gedacht haben.
Auch das gehört zu einer ehrlichen Beziehung.
Let’s dare to talk about sex
Vielleicht brauchen wir deshalb gar nicht zuerst neue Techniken, neue Stellungen oder noch mehr Informationen über Sexualität.
Vielleicht brauchen wir manchmal etwas viel Einfacheres:
Mut.
Den Mut, miteinander über das zu sprechen, worüber wir bisher geschwiegen haben.
Denn Sexualität beginnt nicht erst im Bett.
Sie beginnt dort, wo wir uns trauen, dem anderen zu zeigen, was in uns wirklich vorgeht.
Let's dare to talk about sex.
Nicht perfekt.
Nicht souverän.
Nicht ohne Scham.
Sondern ehrlich, neugierig und mit dem Respekt davor, dass Sexualität für jeden Menschen etwas anderes bedeuten kann.
Vielleicht ist genau dieses Gespräch der erste Schritt zu mehr Nähe.