Kommunikation in der Partnerschaft: Warum wir uns oft nicht verstehen, obwohl wir dieselbe Sprache sprechen
Das A und O einer Partnerschaft ist Kommunikation
Miteinander reden. Zuhören. Verstehen und verstanden werden. Sich gesehen und gehört fühlen – und den anderen wirklich sehen und hören.
Eigentlich klingt das selbstverständlich. Und vermutlich würden die meisten Menschen sofort nicken, wenn ich als Paartherapeutin davon spreche.
Und trotzdem kommen sehr viele Paare genau deshalb zu mir: weil sie nicht mehr miteinander reden können.
Über den Daumen gepeilt würde ich sagen: Bei etwa 90 Prozent der Paare, die in meine Praxis kommen, spielen Kommunikationsprobleme eine wesentliche Rolle.
Sie fühlen sich nicht verstanden. Nicht gehört. Nicht gesehen. Sie reden immer wieder über dieselben Dinge und kommen trotzdem nicht weiter.
Aber warum ist das so?
Wir sprechen dieselbe Sprache – und meinen trotzdem etwas völlig anderes
Die meisten von uns haben irgendwann gelernt zu sprechen. Wir können Wörter bilden, Sätze formulieren und unsere Meinung äußern.
Aber wirklich über das zu sprechen, was in uns passiert, haben viele Menschen nie gelernt.
Denn dafür braucht es etwas viel Schwierigeres als Sprache:
Es braucht die Fähigkeit, sich mit seinen Gefühlen und Bedürfnissen zu zeigen.
Und genau das kann erstaunlich viel Angst machen.
Was passiert, wenn ich sage, dass ich dich vermisse?
Was passiert, wenn ich dir erzähle, dass ich Angst habe?
Was passiert, wenn ich sage, dass ich mich von dir nicht gesehen fühle?
Was passiert, wenn ich zugebe, dass ich deine Nähe brauche?
Oder wenn ich sage: „Das hat mich verletzt.“
Hinter solchen Sätzen steckt immer ein Stück Verletzlichkeit.
Und genau dort beginnt häufig das eigentliche Problem.
Unsere Kommunikationssprache lernen wir oft schon als Kind
Jeder Mensch entwickelt im Laufe seines Lebens seine ganz eigene Art zu kommunizieren.
Und die ersten Erfahrungen damit machen wir in unserer Ursprungsfamilie.
Durften dort Gefühle gezeigt werden?
Durfte ein Kind traurig, wütend oder ängstlich sein?
Durfte es Bedürfnisse haben?
Durfte es „Nein“ sagen?
Durfte es Raum einnehmen?
Oder musste es sich anpassen, funktionieren und möglichst wenig Schwierigkeiten machen?
Vielleicht war ein Kind „zu viel“. Zu laut. Zu empfindlich. Zu anspruchsvoll. Zu emotional.
Vielleicht wurde über Gefühle überhaupt nicht gesprochen.
Vielleicht gab es Liebe und Fürsorge – aber wenig Worte für das, was innerlich passiert.
Ein Kind lernt daraus.
Es lernt beispielsweise: Meine Gefühle sind besser für mich allein.
Oder: Wenn ich Bedürfnisse habe, mache ich anderen das Leben schwer.
Oder: Ich muss stark sein.
Oder: Wenn ich mich anpasse, bekomme ich Nähe.
Und diese Erfahrungen verschwinden nicht einfach, wenn wir erwachsen werden.
Wir nehmen sie mit in unsere Partnerschaften.
Hinter dem Streit über den Müll steckt oft etwas ganz anderes
Dann sitzen zwei Menschen, die sich eigentlich lieben, am Küchentisch und streiten darüber, wer den Müll runterbringt.
Oder darüber, warum der Klodeckel schon wieder offen ist.
Warum die Spülmaschine nicht ausgeräumt wurde.
Warum einer zu spät kommt.
Warum der andere ständig am Handy hängt.
Natürlich können solche Dinge nerven. Und natürlich müssen Alltagsfragen geklärt werden.
Aber manchmal geht es längst nicht mehr um den Müll.
Der Müll ist nur der Auslöser.
Unter der Oberfläche kann etwas ganz anderes liegen:
„Ich habe das Gefühl, dass ich dir nicht wichtig bin.“
„Ich fühle mich mit allem allein gelassen.“
„Ich möchte, dass du mich wahrnimmst.“
„Ich wünsche mir mehr Nähe.“
„Ich möchte mich auf dich verlassen können.“
„Ich habe Angst, dass ich dir nicht genüge.“
Das sind die eigentlichen Themen.
Doch über diese Themen zu sprechen, ist viel schwieriger, als dem anderen vorzuwerfen, dass er den Müll nicht runtergebracht hat.
Bedürfnisse zu zeigen macht verletzlich
Wir alle sehnen uns nach Liebe, Geborgenheit, Verbundenheit und Zugehörigkeit.
Wir möchten geliebt werden.
Wir möchten wichtig sein.
Wir möchten gesehen werden.
Und wir möchten das Gefühl haben: Da ist jemand, bei dem ich mit meinem ganzen Sein sein darf.
Aber genau das macht uns verletzlich.
Denn wenn ich mich wirklich zeige, kann ich auch zurückgewiesen werden.
Wenn ich sage „Ich brauche dich“, kann der andere sagen: „Ich brauche dich aber nicht.“
Wenn ich sage „Ich möchte mehr Nähe“, kann der andere sich zurückziehen.
Wenn ich sage „Das hat mich verletzt“, kann der andere meine Verletzung abwerten oder sich verteidigen.
Also schützen wir uns.
Wir greifen an.
Wir ziehen uns zurück.
Wir werden laut.
Wir werden sachlich.
Wir erklären.
Wir rechtfertigen uns.
Oder wir schweigen.
Und irgendwann sprechen zwei Menschen miteinander, aber eigentlich nicht mehr über das, worum es wirklich geht.
Kommunikation bedeutet nicht nur reden
Gute Kommunikation in einer Partnerschaft bedeutet deshalb nicht, möglichst viel miteinander zu reden.
Es geht auch nicht darum, immer die richtigen Worte zu finden.
Es geht vielmehr darum, miteinander in Kontakt zu bleiben.
Zu hören, was der andere wirklich sagt.
Nicht nur die Worte zu hören, sondern auch das Gefühl dahinter.
Zu verstehen, was der andere braucht.
Und gleichzeitig den Mut zu haben, die eigene innere Welt zu zeigen.
Dazu gehört:
Ich sage, was in mir passiert.
Ich höre, was in dir passiert.
Ich muss nicht sofort Recht haben.
Ich muss mich nicht sofort verteidigen.
Ich darf neugierig auf dich bleiben.
Und vielleicht ist das eine der wichtigsten Fähigkeiten in einer Partnerschaft:
Nicht davon auszugehen, dass ich bereits weiß, was der andere meint.
Warum ich in der Paartherapie mit Kommunikation beginne
Deshalb beginne ich eine Paartherapie häufig sehr früh mit Kommunikationsübungen.
Nicht, weil Paare einfach lernen müssen, „besser zu reden“.
Sondern weil wir zunächst wieder einen Raum schaffen müssen, in dem beide Menschen sich zeigen können.
Einen Raum, in dem Bedürfnisse ausgesprochen werden dürfen.
In dem Verletzlichkeit nicht sofort als Angriff verstanden wird.
In dem einer erzählen kann, was in ihm passiert – und der andere zunächst zuhört, anstatt sich zu verteidigen.
Denn erst wenn wir wieder anfangen, wirklich miteinander zu sprechen, können wir herausfinden, worum es unter den ganzen Vorwürfen und Konflikten eigentlich geht.
Und manchmal ist das Erstaunliche:
Da sitzen zwei Menschen, die sich seit Jahren über dieselben Dinge streiten.
Und plötzlich wird sichtbar:
Eigentlich wollen sie beide dasselbe.
Nähe.
Verbindung.
Sicherheit.
Liebe.
Gesehen werden.
Nur haben sie irgendwann verlernt, darüber miteinander zu sprechen.
Kommunikation ist deshalb nicht einfach ein Werkzeug der Partnerschaft.
Sie ist die Brücke zwischen zwei Menschen.
Und wenn diese Brücke wieder tragfähig wird, kann oft auch etwas anderes wieder entstehen:
Verständnis.
Nähe.
Vertrauen.
Und vielleicht sogar wieder die Leichtigkeit, die irgendwann zwischen all den ungelösten Konflikten verloren gegangen ist.