Sexualität als Brennglas der Beziehung
Sexualität kann eines der berührendsten und verbindendsten Elemente einer Liebesbeziehung sein. Sie kann Nähe schaffen, Vertrauen stärken und ein Gefühl von Verbundenheit entstehen lassen, das bis hin zu einem Erleben von Einswerden reichen kann – für manche Menschen sogar mit einer spirituellen Dimension.
Und gleichzeitig kann Sexualität ganz anders sein: ein Quickie, spielerisch, leidenschaftlich, experimentell, manchmal auch banal oder langweilig. Menschliche Sexualität kennt unzählige Formen und Ausdrucksmöglichkeiten. Fantasien, sexuelle Vorlieben und unterschiedliche Spielarten können sehr vielfältig sein.
Vielleicht gibt es kaum einen anderen Bereich des menschlichen Lebens, in dem sich so viel von unserer Persönlichkeit, unseren Bedürfnissen und unseren Beziehungen widerspiegelt wie in der Sexualität.
Sexualität zeigt, was in uns und zwischen uns geschieht
Deshalb ist Sexualität für mich ein Brennglas – nicht nur für die Beziehung, sondern auch für die eigene Persönlichkeit.
In unserer Sexualität begegnen uns häufig unsere tiefsten Wünsche und Ängste. Scham kann eine Rolle spielen, ebenso Vorstellungen davon, wie Sexualität „sein sollte“. Was haben wir über Sexualität gelernt? Welche Bilder und Botschaften haben wir aus unserer Familie mitbekommen? Welche Rolle spielen religiöse oder gesellschaftliche Vorstellungen? Wie erleben wir unseren eigenen Körper? Fühlen wir uns attraktiv und begehrenswert?
Und auch Macht kann in Sexualität eine Rolle spielen – von spielerischen Formen von Dominanz und Hingabe bis hin zu Missbrauch, Gewalt und Unterdrückung. Gerade diese enorme Bandbreite macht deutlich, wie tief Sexualität mit unserem Menschsein verbunden ist.
Egal, ob wir viel oder wenig Sexualität leben, welche Formen wir bevorzugen oder ob Sexualität in einer bestimmten Lebensphase gar keine Rolle spielt: Sexualität gehört zu unserem Menschsein.
Wenn Sexualität in der Beziehung schwierig wird
In meiner Paar- und Sexualtherapeutischen Praxis erlebe ich häufig Paare, die kaum noch oder keine für sie erfüllende Sexualität miteinander haben.
Oft geht dabei nicht nur der Sex verloren. Auch Kuscheln, Küssen, Händchenhalten, Umarmungen und andere Formen von Zärtlichkeit bleiben zunehmend auf der Strecke.
Und häufig leiden beide darunter.
Trotzdem finden Paare oft nicht die richtigen Worte, um darüber zu sprechen. Sexualität ist ein besonders sensibles Thema. Wenn wir uns mit unseren Wünschen und Bedürfnissen zeigen, machen wir uns verletzlich. Wir können Angst haben, abgelehnt, ausgelacht oder als „nicht normal“ empfunden zu werden.
Manchmal geht es auch gar nicht darum, dass ein Paar grundsätzlich zu wenig Sexualität hat. Manchmal wird Sexualität so gelebt, wie sie ein Partner oder eine Partnerin eigentlich gar nicht möchte. Bedürfnisse unterscheiden sich. Lust verändert sich. Und manchmal haben beide Menschen ganz unterschiedliche Vorstellungen davon, was eine erfüllende Sexualität ausmacht.
Dann braucht es zunächst etwas ganz anderes als eine neue Technik oder eine bestimmte sexuelle Übung: ein wirkliches Gespräch.
Verstehen und verstanden werden
Gute Sexualität beginnt für mich nicht erst im Bett.
Sie beginnt damit, dass wir uns füreinander interessieren. Dass wir uns sehen und gesehen werden. Dass wir verstehen wollen und selbst verstanden werden möchten.
Zärtlichkeit, Aufmerksamkeit, Komplimente und liebevolle Berührungen können dabei eine wichtige Rolle spielen. Ebenso die Bereitschaft, über Wünsche, Grenzen, Fantasien und Unsicherheiten zu sprechen.
Und dann ist da noch etwas, das gerade in langjährigen Beziehungen häufig unterschätzt wird: Zeit.
Frisch verliebte Menschen schaffen es manchmal, Sexualität spontan und schnell irgendwo dazwischen unterzubringen. In einer langjährigen Beziehung sieht das oft anders aus. Alltag, Arbeit, Kinder, Verpflichtungen und Müdigkeit lassen wenig Raum.
Viele Paare brauchen Zeit, Ruhe und Entspannung, damit überhaupt wieder Lust entstehen kann.
Sexualität braucht nicht immer viel Zeit. Aber manchmal braucht sie die Erlaubnis, Zeit haben zu dürfen.
Pornografie und die Bilder im Kopf
Gerade junge Menschen wachsen heute in einer Welt auf, in der sexuelle Bilder sehr leicht zugänglich sind. Pornografische Inhalte können über das Internet bereits früh und teilweise auch unbeabsichtigt mit Jugendlichen in Kontakt kommen.
Die JIM-Studie 2024 zeigt beispielsweise, dass ein Viertel der 12- bis 19-Jährigen angab, im Monat vor der Befragung ungewollt mit pornografischen Inhalten in Kontakt gekommen zu sein.
Eine aktuelle Studie mit Schülerinnen und Schülern der 8. und 9. Klassen in Nordrhein-Westfalen zeigt ebenfalls, wie verbreitet der Kontakt mit Pornografie unter Jugendlichen ist. 63 Prozent der Befragten berichteten von gewolltem Kontakt mit pornografischen Inhalten, 48 Prozent von ungewolltem Kontakt.
Dabei ist wichtig: Aus solchen Zahlen lässt sich nicht einfach schließen, dass Pornografie bestimmte spätere sexuelle Verhaltensweisen verursacht. Die wissenschaftliche Forschung zeigt komplexe Zusammenhänge, und Ursache und Wirkung lassen sich nicht immer eindeutig voneinander trennen.
Was jedoch naheliegt und auch von Jugendlichen selbst thematisiert wird, ist die Frage: Wie realistisch sind diese Bilder eigentlich?
Pornografie ist keine Anleitung für gelebte Sexualität. Sie zeigt eine inszenierte Form von Sexualität und kann Vorstellungen davon prägen, wie Körper aussehen, wie Menschen sich verhalten oder wie Sex „funktionieren“ sollte.
Gerade junge Menschen brauchen deshalb Räume, in denen sie über Sexualität, Körper, Lust, Grenzen, Konsens und die Unterschiede zwischen pornografischer Darstellung und realer Begegnung sprechen können.
In meiner Praxis erlebe ich immer wieder, dass unrealistische Erwartungen, Leistungsdruck und Unsicherheit das eigene sexuelle Erleben und Beziehungen belasten können.
Körper, Selbstwert und Leistungsdruck
Bei Frauen spielt häufig die Frage eine Rolle, ob sie sich attraktiv genug fühlen. Der eigene Körper wird kritisch betrachtet, mit anderen verglichen und nicht selten unmittelbar mit der eigenen sexuellen Begehrbarkeit verbunden.
Bin ich zu dick? Bin ich nicht attraktiv genug? Sieht mein Körper so aus, wie er aussehen sollte?
Der zunehmende Druck, einem bestimmten Schönheitsideal zu entsprechen, kann auch die Sexualität beeinflussen. Wer sich im eigenen Körper nicht wohlfühlt, kann Schwierigkeiten haben, sich beim Sex wirklich fallen zu lassen.
Bei Männern begegnet mir häufig ein anderer, aber nicht weniger belastender Leistungsdruck: die Frage nach der Erektionsfähigkeit und der eigenen „sexuellen Leistungsfähigkeit“.
Was eigentlich Lust und Begegnung sein könnte, wird dann schnell zu einer Prüfung:
Funktioniere ich? Bin ich gut genug? Befriedige ich meinen Partner oder meine Partnerin?
Je stärker Sexualität zur Leistung wird, desto schwieriger kann es werden, sie tatsächlich zu genießen.
Sexualität verändert sich im Laufe des Lebens
Sexualität ist nichts, was einmal festgelegt wird und dann für immer gleich bleibt.
In einer langen Beziehung kann es Phasen mit viel Sexualität geben und Phasen, in denen sie in den Hintergrund tritt. Manchmal verändert sich die Lust eines Partners oder einer Partnerin. Manchmal verändern sich die körperlichen Voraussetzungen.
Nach der Geburt eines Kindes kann Sexualität zunächst ganz anders werden. Die Wechseljahre können körperliche und emotionale Veränderungen mit sich bringen. Auch Stress, berufliche Übergänge, Erschöpfung oder Krankheiten können die Sexualität beeinflussen.
Das bedeutet nicht automatisch, dass etwas mit der Beziehung nicht stimmt.
Es bedeutet zunächst einmal: Wir Menschen verändern uns – und damit darf sich auch unsere Sexualität verändern.
Die entscheidende Frage ist für mich deshalb nicht immer: „Wie bekommen wir wieder mehr Sex?“
Manchmal lautet die viel wichtigere Frage:
„Wie können wir wieder miteinander in Kontakt kommen und herausfinden, was sich für uns heute gut und stimmig anfühlt?“
Neue Wege finden
Sexualität muss nicht so bleiben, wie sie gerade ist.
Manchmal geht es darum, überhaupt wieder miteinander ins Gespräch zu kommen. Manchmal darum, herauszufinden, was einem selbst gefällt und was nicht. Manchmal braucht es neue Formen von Nähe und Berührung. Und manchmal darf Sexualität ganz neu entdeckt werden.
In meiner Paar- und Sexualtherapeutischen Praxis begleite ich Menschen dabei, ihre Sexualität besser kennenzulernen, Wünsche und Grenzen auszusprechen und gemeinsam neue Wege zu erkunden.
Dabei geht es nicht darum, einer bestimmten Vorstellung von „richtiger“ Sexualität zu entsprechen.
Es geht darum, herauszufinden:
Was tut uns gut? Was wünschen wir uns? Was fehlt uns? Was möchten wir verändern? Und wie können wir wieder miteinander in eine lebendige, lustvolle und zugleich sichere Begegnung kommen?
Denn Sexualität kann ein Brennglas sein.
Aber sie kann auch ein Weg sein – zurück zu mehr Nähe, Lebendigkeit, Neugier und Verbundenheit.